+++ Stellungnahme DSF e.V. | Debatte um Leipzigs Zoo-Gründer Ernst Pinkert +++

| 9.julio.2020
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+++ Stellungnahme DSF e.V. | Debatte um Leipzigs Zoo-Gründer Ernst Pinkert +++

Die Deutsch-Spanische Freundschaft e.V. schließt sich der Forderung des Dachverbandes sächsischer Migrantenorganisationen (DSM) an und fordert ebenfalls eine kritische Auseinandersetzung mit den sogenannten „Völkerschauen“ im Leipziger Zoo. Wir müssen als Stadtgesellschaft eine Debatte darüber führen, an welchen Maßstäben wir uns orientieren wollen.

Leipzig, 09.07.2020

Am 8. Juli war die Benennung einer Straße und Grundschule in Gedenken an den Zoo-Gründer Ernst Pinkert Thema im Leipziger Stadtrat. Unter Ernst Pinkerts Leitung entwickelte sich der Leipziger Tiergarten zu einem in manchen Aspekten fortschrittlichen Zoo. Pinkert war aber auch Initiator von sogenannten ”Völkerschauen”. Bei diesen ”Völkerschauen” wurden Menschen exotisiert und rassistisch entmenschlichend als ”Ausstellungsobjekte” zur Schau gestellt. In dieser Hinsicht hat der damalige Zoodirektor bestehende Einwände und Proteste ebenso wie die Auswirkungen auf die entwürdigend dargestellten Menschen ignoriert. Ethisch-moralische Einwände und Kritik wurden zurückgewiesen, um die ertragreiche Geschäftsidee der “Völkerschauen” nicht zu gefährden. “Ich finde es wichtig”, so Marisa Sánchez von der Deutsch-Spanischen Freundschaft, “dass wir als Gesellschaft eine kritische Haltung zu solchen Vorgängen einnehmen.” Insbesondere kritisiert die DSF e.V., dass das Verhalten von Pinkert von dem aktuellen Zoodirektor mit dem damals vorherrschenden Zeitgeist erklärt und entschuldigt wird. “Wenn diese Logik konsequent Anwendung finden würde”, so Roberto Fratta, “dann könnten wir theoretisch die Handlungen der Nationalsozialisten im dritten Reich mit dem damals vorherrschenden Zeitgeist erklären und beispielsweise für den Fortschritt in Bezug auf Autobahnen loben?!” “Die Absurdität der Logik und die Verharmlosungen, die wiederkehrend im Kontext von Kolonialismus an den Tag gelegt werden, müssen aufhören”, so die beiden Vereinsvertreter.

Weiterhin bleibt dies kein Einzelfall in Deutschland. So gibt es auch in der Hauptstadt Berlin seit Jahren eine Debatte über die Umbenennung der “Mohren” Straße. Dort, im Unterschied zu Leipzig, hat die BVG die Wichtigkeit und Sensibilität der Situation verstanden und ist bereit für eine Umbenennung der U-bahn-Station im Dezember.

In Leipzig brauchen wir dringend eine Debatte darüber, wie wir diese Situation gemeinsam konkret verändern können. Sprich, wie wird die Straße und Schule neu benannt und wann und wie möchte der Zoo Leipzig seine Aufarbeitung in Bezug auf die “Völkerschauen“ der Öffentlichkeit zu Verfügung stellen?

 

Quellen:

https://www.morgenpost.de/berlin/article229466572/Mohrenstrasse-Glinkastrasse-Antisemitismus-Rassismus-Glink-BVG-U-Bahn-Bahnhof.html

http://dsm-sachsen.de/stellungnahme-dsm-debatte-um-leipzigs-zoo-gruender/

https://www.lvz.de/Leipzig/Lokales/Debatte-um-Leipzigs-Zoo-Gruender-Pinkert-Aufarbeitung-vor-Ort-gefordert

https://www.lvz.de/Leipzig/Lokales/Anfrage-im-Stadtrat-War-Leipzigs-Zoogruender-Ernst-Pinkert-Rassist

https://www.l-iz.de/melder/wortmelder/2020/06/Reaktion-der-AG-Leipzig-Postkolonial-auf-den-Artikel-der-LVZ-vom-20-Juni-2020-War-der-Zoogruender-ein-Rassist-338014

https://radiocorax.de/koloniale-voelkerschauen-im-leipziger-zoo/

– Gespräche mit Mitgliedern der AG Postkolonial Leipzig

– Baleshzar, Lydia (2009): Völkerschauen im Zoologischen Garten Leipzig 1879-1931. In: Claus Deimel (Hg.): Auf der Suche nach Vielfalt. Ethnographie und Geographie in Leipzig ; [Ausstellung «Auf der Suche nach Vielfalt. Ethnographie und Geographie in Leipzig». Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde, S. 427–448.

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